Popkultur 02.09.2015

 

Ich weiß nicht genau, was in welcher Reihenfolge passiert ist, und meine Aufzeichnungen aus dieser Zeit sind nur halbwegs aufschlussreich, aber ich kann sagen, dass das Schuljahr, indem ich 13 wurde, ein enorm einschneidendes Jahr war. Es markierte ziemlich hart und eindeutig den Übergang vom Kind zum Nicht-mehr-Kind. Ich bekam ein Geschlecht und wurde auch durch ein neues Lebensumfeld ziemlich meiner Kindertraumwelt entrissen. In der Retrospektive verschwimmt alles ein wenig, aber ich kann mich noch sehr gut erinnern. Alle Dinge, die davor passiert sind, erinnere ich auf eine andere Art und Weise, verschwommen und in warmes Licht getaucht, alles danach fühlt sich kontinuierlich an und eigentlich dem ziemlich ähnlich wie ich heute noch wahrnehme. Meine Geschichte begann von mir reflektiert wahrgenommen zu werden, mein Bewusstsein hatte sich verändert. Das mag mit gewöhnlichen Mechanismen des Körpers zusammenhängen, der berühmten Pubertät und den Vorgängen im Gehirn, kann aber auch ausgelöst werden durch tiefgreifende Erfahrungen der Popkultur, was bei mir ein nicht wegzudenkender Einflussfaktor war.

 

Ich denke, dass ich diese Geschichte mit vielen, vielen anderen privilegierten Menschen teile – und das ist das Großartige daran. Die Geschichte betrifft nicht nur mich und es lohnt sich, sie zu erzählen, denn ich lebe einer der letzten Generationen des Pop. Bald wird es ihn nicht mehr geben, so wie er bisher erzählt wurde. So viel sei einmal vorweg genommen und bevor ich darauf zurückkomme, beginne ich mit mir im Alter von 12 Jahren. Mit 12 wusste ich schon wie ich masturbiert, und vor allem, wie ich das tun konnte. Ich konnte dank  meiner vorübergehenden Depression sogar schon das Phänomen des Libidoverlusts erleben,  und das kommt mir  jetzt erstaunlich jung vor. Aber wir waren ja auch girls, viel weiter als die boys eben, zumindest wird einem das immer erzählt. Immerhin kam meine Orgasmusfähigkeit mit meiner Menstruation zusammen, was ich im Nachhinein als positiv bewerte. Es gibt ja leider immer noch genügend Frauen die viel Gebärfähigkeit, aber wenig Orgasmusfähigkeit haben. Bezeichnenderweise habe ich herausgefunden wie ich supergeile Orgasmen bekommen kann, während ich das tat, was typisch für diese krass körperfeindliche Gesellschaft ist: beim gründlichen Säubern meines Genitals. Denn – oh nein – meine neu gewachsenen Labien und diese ganze Umstrukturierung machte mein Geschlechtsteil (!) irgendwie unübersichtlich und das Zeug, dass sich unter meinem Klitorishut sammelte musste entfernt werden. Ich war ja schon immer eher pragmatisch oder faul, also dachte ich mir, dass wenn ich den Massagestrahl der Dusche auf mein jungfräuliches Geschlecht richte, dass das Smegma schon mit weggespült würde. Aber wie! Das Smegma wurde weggespült und mein Bewusstsein auch. Das war echt unglaublich! Endlich wusste ich was Erlösung bringt von diesem seltsamen Gefühl das wir aus den Situationen kannten, in denen  wir die Barbies Sex haben ließen. Was sich anfühlte wie Harndrang war sexuelle Erregung – Wow! Hinweg war meine Naivität.

 

Doch worauf ich hinaus wollte: Ich war also körperlich in der Pubertät angekommen, doch mein Bewusstsein änderte sich erst mit dem Pop. Im November 2002 strahlte MTV Deutschland das Unplugged-Konzert von Nirvana aus. 2002 war dieses schreckliche Jahr, indem ich in die neue Klasse gekommen war und ich in dieser bayrischen Kleinstadtidylle im ambitioniertesten Schulzweig durch absolut falsch priorisierte Klasseneinteilung plötzlich in einer Klasse war, die zu 90% aus sich als männlich identifizierten Menschen bestand. Mit einer komplett anderen Realität konfrontiert brachte ich viel Zeit auf um mich damit auseinander zu setzen, dass ich plötzlich Aufmerksamkeit auf mich zog, die ich niemals haben wollte. Diese Art der Aufmerksamkeit zumindest nicht. Mein ganzer Körper schien mir überflüssig und auch die anderen sahen das so. Obwohl nein, mein Körper war nicht überflüssig, er war eigentlich ziemlich präsent für die anderen. Jedes meiner Körperteile wurde öffentlich verbal seziert, reinszeniert und neu benannt. Besonders prominent waren mein Gesäß und insgesamt meine Rundungen. Ich war in diesem Alter nicht fett, aber fett genug um auf diese Art bedacht zu werden. Wow waren wir alle überfordert. Wohin ich blicke, niemand war darauf vorbereitet. Das Internet hatte eingesetzt. Zuhause vor den dicken Röhrenbildschirmen wartete der Sex auf die boys. Oder manche von ihnen. Es reichte ja, wenn sie davon erzählten. Niemand hatte Rückgrat. Manche haben ja Liebesgeschichten in diesem Alter, ich hatte Verwirrung, Trauer und Selbsthass. Meine treuen Begleiter, neben den Sprechgesängen der überforderten Boys, deren nächstes Objekt ich war. Das Ziel allen Strebens, brachliegende Experimentierfläche, omnipräsent. Im geheimen Gespräch während des Unterrichts, gebannt in Cartoons, sogar eigenen Gedichte hatte ich. Auch negative Publicity ist gut. Hätte ich mir sagen können, doch ich sagte mir gar nichts, außer, dass ich es nicht wert sei. Neben dieser recht offensichtlichen Geschichte gab es noch eine Reihe an weiteren Faktoren, die meine negative Lebenseinstellung begünstigten, aber das hier ist je eine Geschichte des Pop, also auch etwas, das mit Jugendkultur zu tun hat und nicht mit Familientraditionen oder philosophischen Grundfragen.

 

Ich war also prädestiniert dazu, von Morbidität angezogen zu werden. Von Selbstzerstörung und Autoaggression. Ich bin sehr froh, dass meine Eltern inkonsequent waren und wir einen Fernseher hatten. Das ist auch etwas, was mich mit dem alten Pop verbindet. Wie alle Kinder des Pop war es Rundfunkt im weitesten Sinn,  der mir den Einstieg in den Pop gewährte. Von einem Punkt hergestelltes Programm. Schön asymmetrisches Verhältnis zwischen Sendenden und Empfangenden. Ich war Konsumentin von Fernsehprogramm. In diesem November empfing ich MTV, also Musikfernsehen, gibt es das heute eigentlich noch? Egal. Ich sah also Kurt Cobain. Und ein Teil von mir, nämlich der Teil, der  bewusst nach Selbstauflösung strebt, würde alle Orgasmen der Welt dafür eintauschen, wenn er vor der Wahl stünde, das erlebt zu haben oder nicht. Denn es war eine Offenbarung. Insgesamt eignet sich die Sexmetapher weiter. Nirvana war die Erlösung für ein seltsames Gefühl, das ich nicht befriedigen konnte. Wie der vermeintlich unstillbare Harndrang. Nur die Erkenntnis was es genau war, das mich erlöste, gibt es bis heute nicht.

 

Ich saß einfach auf dem Bürostuhl meines Vaters und drehte mich endlos im Kreis. Mir wurde nicht schlecht. Ich blickte in den Röhrenbildschirm des Computers, der an der Schwelle zur Ära des Internets ein Hybrid aus PC und TV war, da mein Vater sich sehr für Technik begeisterte und Gadgets wie das Fernsehen über den Computer sofort ausprobierte. Aber es war dennoch Musikfernehen. Mit dem Touch an Privatheit, den man vor dem Familienfernseher nicht hat und der unser Wahrnehmverhalten heute maßgeblich bestimmt. Ich allein vor dem Computer-TV. Und darin ausgestrahlt das lila Unplugged Konzert. Wenn ich an diesen Moment denke möchte ich ihn endlos romantisieren. Ich kann mich ziemlich genau an das Gefühl erinnern. Als hätte ich das erste Mal etwas wirklich Bedeutsames gehört. Und ich war sehr angeturnt von den Looks der ganzen Inszenierung. Weiße Lilien, die Verzweiflung und Künstlichkeit der Situation, der ausgeleuchtete Kurt Cobain in Pastell. Pastellgrüne Jacke, pastellblaue Jeans, pastellblondes Haar, die Erinnerung an meine Kindheit. Es ist nicht so, dass ich nur der Musik ausgeliefert war, die sonst im Radio zu hören war, nein, mein Vater hatte eine Sammlung hochqualitativer Popmusiker und hörte diese auch passioniert und laut. Ich bin in einem endlosen Medley aus hörbaren Zeitdokumenten der Musikgeschichte aufgewachsen. Ich kenne die Melodien und wenn ich die Lieder heute irgendwo höre, ertappe ich mich dabei, wie ich in Babysprachenenglisch leise mitsinge. Denn was mir zu diesem Zeitpunkt fehlte, war ihr Name, und ihre Geschichte. Der Popanteil fehlte mir. Für mich waren sie Hintergrundmusik und rituelles Handeln, nicht aber Kulturgut.

 

Ich war maximal stimuliert und dieses Gefühl hatte ich vielleicht noch bei diesem einen Buch von Herrmann Hesse, aber selbst da war es trotz anhaltender Nachhaltigkeit langezogen und verwaschen von der Zeit, die ich allein  brauchte um die Worte in sinnvollen Text umzuwandeln. Das Nirvanading war unmittelbar. Ich suche dieses Gefühl auch heute noch. Die unvoreingenommene Begeisterung, das Vergessen aller Skrupel, den Verlust der Relativität und der Skepsis. Nirvana war uneingeschränkt großartig für mich. Ich wurde süchtig. Süchtig wie nach den ersten Orgasmen, die ich ein halbes Jahr vorher kennengelernt hatte. Aber es war befriedigender Nirvana zu hören, Nirvana zu denken, Nirvana zu fühlen. In der Schule konnte ich an nichts anderes mehr denken. Ich musste nach Hause, mich ins Bett legen und die illegal hinuntergeladenen Lieder von Nirvana hören. Ich musste mich gehen lassen und mich darin auflösen.

 

Selbst damals glaubte ich nicht an Genies. Offensichtlich hatte Kurt Cobain eine tolle Stimme und ich fand das Bild von ihm wahnsinnig anziehend, aber mir wurde schnell klar, dass das nicht nur etwas mit vermeintlichem Talent zu tun hat. Man musste den Fame wollen, man musste Rockstar werden wollen. Man musste erkennen, was man dazu braucht und es umsetzen können. Und dann noch die passenden Features. Klar war für mich, dass eine Frau nicht diese tragische mitleidserregende Gestalt hätte sein können, die der Pop in unterschiedlichen Facetten immer wieder erzeugt. Eine Frau kann kein Genie sein. Easy. Eine Frau kann gut, stark, talentiert, schön, gefährlich, aggressiv und mysteriös sein. Aber der Zerfall und die Autoaggression sind als schickes Accessoire nur bei Männern in eine schöne Geschichte umwandelbar. Frausein bedeutet Kontrolle haben. Alles andere wirkt Lolita-haft und süß, oder erbärmlich. Alles schon gesehen. Die Geschichte der Lolita ist eine Popgeschichte.

Auch heute kenne ich gar keine Frauen, denen eine Tragik ihres Lebens abgekauft wird. Nicht wirklich. Oder nur in jungen Jahren, noch fast nicht erwachsen, wenn man noch Neutrum ist, das Wunderkind. Anja vielleicht, die Zarte, als das Internet noch klein war.

 

Ich sollte noch etwas über das Aufwachsen mit dem Aufwachsen des Internets erzählen, aber nicht hier. Hier geht es um Pop. Grimes ist niedlich, aber nur ernstzunehmend, weil sie eine self-made Frau ist, weil sie eine Strategie hat, weil sie ihr Gehirn zeigt, nicht nur ihre Emotionen. Ich kenn eigentlich nur eine Frau, die subversiv mit dieser Unmöglichkeit spielt und das ist Yolandi Visser, aber die ist ja nicht einmal richtig Mensch in ihrer Inszenierung. Das Image der schwachen Frau lehnt sich zu sehr an das, wogegen sich Pop wohl positioniert an. Schwäche, Verwirrtheit, Bitterkeit, Verzweiflung  und Naivität und damit auch Genietum schaffen es nur in queeren Kontexten in Bezug auf alle Geschlechter Geschichten zu erzählen. Aber Pop ist nicht wirklich queer, Pop kokettiert nur mit Queerness oder kontextualisiert Queerness nur sexuell.

Tbc.

 

 

Amelie Jakubek

Jaydn Hubrecht

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