#Narzissmus 21.11.2015

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Dabei weiß man, dass Narzissmus einen Preis hat. Narzissten sind anfälliger für Depressionen und Suchterkrankungen. Wenn man ihnen das Lob und die Bewunderung, die sie brauchen, vorenthält, dann reagieren Narzissten oft aggressiv und gewalttätig. Narzissten wirken im ersten Moment häufig sympathisch und charmant, aber mit der Zeit, das haben Untersuchungen ergeben, werden sie in Gruppen immer unbeliebter und am Ende ausgeschlossen. Narzissten führen kein glückliches Leben, ihre Geltungssucht ist ein Gefängnis, aus dem sie nicht ausbrechen können. Narzissmus ist nicht heilbar, wie Pech klebt er an einem und geht ein Leben lang nicht ab.

 

Aus den Erzählungen meiner Mutter weiß ich, dass ich ein anstrengendes Kind war. Ich wollte mich selbst abtreiben und lange vor meiner ausgereiften Selbsterhaltungskraft auf die Welt kommen, sodass sie Medikamente nehmen und liegen musste. Kaum war ich auf der Welt, brauchte ich konstante Aufmerksamkeit und schlief zu wenig. Ich wollte alles sehen und die Welt sollte mich sehen.

Narzissmus ist eine psychologische Bezeichnung für eine Haltung oder Krankheit. Psychologie hat als Deuterin von Wahrheit einen hohen Stellenwert in der momentanen, hegemonialen Weltsicht, sie ist die letzte Kategorie. Sie ist die finale Theorie zum Auffanglager für abweichendes Verhalten.

Narzissmus ist pubertär und unaufgeklärt. Selbstüberhöhend, sich selbst zu ernst nehmend. Wir leben in einer Gesellschaft voll von Narzisst*innen. Narzissmus ist ein Grund sich zu inszenieren, sich überhaupt erst selbst zu entfalten. Man muss eine Liebe zum Selbst haben, um es ausbreiten zu wollen. Vielleicht folgt Narzissmus auf die Erfüllung aller anderen Bedürfnisse. Die letzte Stufe vor der Transzendenz nach der Maslowschen Befürfnisanalyse. Wieder Psychologie.

Aus meinem Narzissmus wächst Verantwortungsgefühl. Ich muss mich kümmern um mein Lob. Ich muss hart arbeiten, um allen gerecht zu werden und um meiner privilegierten Position in dieser Welt zu entsprechen. Mein Narzissmus ist demokratisch. Ich will von allen geliebt werden.  Das Lob der Schwachen und der vermeintlich Dummen bedeutet mir so viel, wie das der Mächtigen und der vermeintlich Gebildeten. Eigentlich empfinde ich das Einholen von Lob der Mächtigen als Last und notwendiges Übel, um mich sichtbarer zu machen. Um allen gerecht werden zu können, muss ich gut sichtbar über allen thronen und um diesen Olymp zu erklimmen brauche ich den Zuspruch der Mächtigen. Ihre helfende Hand.

Ich bin wütend, dass mir die Anerkennung vorenthalten wird. Ich bin radikal ehrlich. Wenn mein Mut nicht bricht.

Alle unsere politischen und kulturellen Idole sind Narzisst*innen. Wie sonst ist die Energie aufzubringen, sich bemerkbar zu machen? Es ist nicht entlohnend, sein Potential nicht zu erreichen und immer lauter sein zu müssen als die anderen. Ja, überhaupt erst daran zu denken, ein Potential erreichen zu müssen, besiegelt einen unerbittlichen Kampf um die Ressourcen der Aufmerksamkeit. Es ist auch ein Feldzug gegen den Zweifel, dass man nicht genügt, dass man die Aufmerksamkeit nicht wert ist. Ich kann nie stolz sein, auf das, was ich gemacht habe, es wird nie genügen. Es bohrt unaufhörlich in die Wunde, die wir uns durch das offene Eingeständnis der Sucht nach Fremdzuspruch zufügen. Ewig unverstanden, ewig nicht im Stande, uns so auszudrücken, dass wir selbst einmal in der Lage wären, uns zu akzeptieren. Nebenbei die Sorge um unser Publikum: Werden wir ihnen gerecht werden? Dürfen wir für sie sprechen? Brauchen sie uns oder wären sie ohne uns besser dran? Was dürfen wir überhaupt machen, ohne uns beim Versuch lächerlich zu fühlen?

 

Ist die Illegitimität dieser Haltung beschlossene Sache? Die Angst vor Hohn und Spott, die drohende Abwertung ist die Schattenseite der Getriebenheit. Das Ringen mit dem Ego, dessen Existenz man auch grundsätzlich in Frage stellen kann, wird nicht selten belächelt.  Doch die Kraft, die in dem Zwang liegt, sich selbst zu offenbaren, um gesehen zu werden, ist groß. Sie sitzt mir jeden Tag im Nacken. Ihr Joch stärkt meine Entschlossenheit.

Ich kann mich nicht vergessen. Ich muss unaufhörlich daran denken, was ich machen will und muss. Jeden Tag muss ich daran arbeiten oder mich dafür verurteilen, es nicht zu tun. Ich werde nicht aufhören, alles zu versuchen, weil das Aufgeben das Ableben bedeutet.

Internetinszenierung

2005

Es ist nur eine wissenschaftliche Kategorie, die das, was ich und andere Narzisst*innen machen, in ein Spektrum der Verwerflichkeit sortiert. In anderen Kategorien sind wir vielleicht Hoffnungsträger*innen, Vorbilder oder Identifikationsprojektionen, die das Leben und Zurechtfinden in der Welt erst ermöglichen.

 

20.06.2015

 

Ich weiß eigentlich gar nichts über mich. Ich weiß nicht, was mich glücklich macht.

Ich bin wohl narzisstisch. ich habe ein extrem schlechtes Selbstwertgefühl.

Psychologie sieht die Menschen oft sehr eindimensional, aber diese Aufspaltung

diese Zweigeteiltheit kommt mir sehr bekannt vor. Das Schlimme ist, dass ich es weiß dass ich darunter leide. Dass ich Angst habe vor den Mächten der Grandiosität dass ich mir nicht trauen kann. Dass ich eigentlich nicht da bin. Ich habe kein ich.

Das findet die Psychologie schrecklich. Soziologisch macht das aber Sinn. Die Konstruktivität des Sozialen wird dabei sehr deutlich. Die Psychologie fordert den Menschen, der das bei sich verleugnet.

 

Das Schlimme ist, dass ich es nicht ertragen kann, wenn andere Menschen glücklich sind. Ich denke immer, dass ihr Glück nicht echt ist. Das kein Glück echt sein kann. Dass Glück Verblendung ist und ein Verdrängen der Möglichkeit dessen, das alles konstruiert ist. Dann kommt dieser vermeintliche Erkenntnistheoretische Gedanke, der auf Logik basiert, die aber wiederum sozial konstruiert ist. Oft ertappe ich mich dabei, wie ich denke, dass die Welt keinen Anlass gibt, glücklich zu sein, sobald man über sie nachdenkt. Damit spreche ich den Menschen die Legitimität ihres Glücks ab. Oder werte nur Kinderglück, unwissendes Glück

als zulässig. Ich ziehe eine Linie zwischen den privilegiert glücklichen Menschen, die in gewisser Weise nicht nachdenken müssen und denen, die nachdenken müssen. Die Psychologie geht davon aus, dass Narzissten früh lernen zu reden. Die verbalen Fähigkeiten gehen einher mit dieser Persönlichkeitsstörung. Reflektion kann sie verbergen.

Ach, ich weiß nicht, wie viel davon konstruiert ist. Ich weiß nicht, was es wirklich gibt. Dieses Misstrauen der Welt gegenüber, das Misstrauen gegenüber der Wirklichkeit. Die Vermutung, dass es eine Wirklichkeit, Evidenzen für andere gibt. So könnte man den Narzissmus soziologisch beschreiben. Oder zumindest reflektierten.

 

Ich fühle auf der einen Seite sehr wenig. Wenig Gutes, oder gut konnotiertes. Aber auf der anderen Seite viel, viel Negatives. Ich kenne viele Nuancen des negativen Fühlens, aber falle nicht auf, weil ich nicht darüber rede, oder nicht so viel. Manchmal freu ich mich, wenn mich andere in Situationen bringen, in denen ich unverhofft positive Gefühle habe. Also lebensbejahende. Gefühle, die sagen, dass es sich dafür lohnt zu leben. Ich selber kann mir nur Gefühlsleere, Ehrgeiz

und ein Bouquet an negativen Gefühlen anleiten. Ich bin abhängig von anderen.

 

Ich suche immer den/die GesprächspartnerIn, die die weiten versteht. Fühle mich immer unverstanden, muss mich erklären, möchte angenommen werden. Letztlich von mir selbst.

 

Ich möchte altruistisch sein, doch fürchte einen Mechanismus, der nur mir profitieren soll. Ich denke oft, dass ich keine Legitimation habe, kann mir wieder nicht trauen. Weil ich mich nicht spüre. Ich kann nicht spüren, dass ich stolz sein kann oder darf. Ich fühle mich als mächtiges Glied in meiner Selbstkonstruktion und habe auch Angst vor meine autosuggestiven Fähigkeiten.

 

Manchmal vermute ich, dass meine Gefühle nicht authentisch sind. Deswegen möchte ich mich vor anderen permanent rechtfertigen und habe das Gefühl, dass ich sie betrüge. Weil meine Gefühle vielleicht in Wirklichkeit nicht echt sind. Vielleicht habe ich keine Gefühle, also keine positiven.

Vielleicht habe ich nur Autosuggestion? Dann fühle ich mich leer und falsch. Unpassend für diese Welt.

 

Ich freue mich manchmal auf Entertainment, bin aber so schnell gelangweilt.

Ich bin gelangweilt und selten fasziniert. Außer von negativen Sachen. Von Leid und Tod. Dann spüre ich, dass das schlimm ist. Dass man etwas dagegen tun sollte. Für andere. Weil sie es auch schlimm finden. Dabei fühle ich mich auf seltene Weise connected.

 

Was ich sonst so selten tue. Ich fühle mich abhängig. Aber ich weiß nicht einmal, ob ich aufrichtig lieben kann!!!

 

 

27.05.2016

 

Sehr geehrter Herr Lammers,

 

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Ich intellektualisiere meine Probleme und Affekte und bin dadurch mächtiger als andere (ich kann das, weil ich mit meinem spezifischen Interesse und meinen kognitiven Fähigkeiten geschafft habe durch Bildung schlagkräftige Argumente für meine Sichtweisen zu finden). Ich bin dadurch manipulativ und nutze zusätzlich andere Mittel um soziale Situationen zu kontrollieren (z.B. Positionierung als Antagonistin). Dabei fühle ich mich meistens schlecht, weil ich dieses Verhalten für illegitim halte.

 

Trotzdem kann ich paradoxer Weise nicht davon ablassen, meine Bedürfnisse und Gefühle zu äußern, weil das die einzige Möglichkeit ist, mich moralisch zu entlasten. Durch Mitwissende wird mein Zustand relativiert. Aber da ich das sehr häufig tun muss, dominiere ich andere stark. Das macht mir ein schlechtes Gewissen, weil ich nicht glaube, dass ich das Recht dazu habe. Obwohl mir die ehrliche und kritische Auseinandersetzung mit meiner Persönlichkeit extrem weiterhilft mich zu überwinden, nehme ich insgesamt zu viel Platz ein.

Ich schäme mich auch für meine ständige Selbstbezogenheit. Ich fühle mich dadurch verstärkter wertlos. Gleichzeitig ist das Gefühl von Wertlosigkeit mein Rückzugsraum, der sich im Allgemeinen zu einer Gesamtabwertung allen menschlichen Strebens entwickeln kann. Wertlosigkeit kann ich leicht beschreiben, Scham ist für mich schwer zuzugeben. Insgesamt kann ich mich aber in Bezug auf meine Affekte sehr gut artikulieren – auch die, die mich verletzlich machen. Manchmal nutze ich das Schwächezeigen aber auch als Mittel zu Deeskalation oder Manipulation.

 

Dadurch fühle ich mich immer distanziert zu den anderen. Sie müssen nicht Derartiges denken und tun und machen das auch nicht. Ich will ehrlich sein und keine didaktische oder manipulative Strategie entwickeln. Ich will auf Augenhöhe sein, aber ich habe das Gefühl, dass ich sehr viel lenken kann. Mich wiederum bewusst zurück zu nehmen, um so die Situation gezielt in einer Weise zu verändern, ist wieder künstliche Emporhebung meinerseits. Ich möchte offen und ehrlich im sozialen Miteinander sein (mein vorläufiger politischer Glauben ist also antihierarchisch), aber diese Situation hält mich gefangen.

 

Dadurch, dass ich vermutlich berechtigter Weise, durch kompensierende und perfektionistische Arbeit an meinem idealen Selbst, davon sprechen kann im Vergleich zu meinem direkten Umfeld mehr Kompetenzen entwickelt zu haben, fällt es mir sehr schwer anderen zu vertrauen. In vielen Fällen kann ich voraussehen, wo Schwachstellen in der Planung und Organisation von anderen sind (aber auch in meinen eigenen). Wenn ich nichts sage und die Situationen eintreten, bin ich besonders wütend, weil ich mich nicht beschweren will. Das ist für mich sehr, sehr frustrierend. Nicht nur, dass ich bei den unglücklichen Zufällen sofort Panik bekomme, die Kontrolle zu verlieren, auch wegen meinem starken Bedürfnis mein soziales Umfeld zu kontrollieren um Sicherheit zu haben. Deshalb  beschäftige ich mich sehr viel mit den Personen aus meinem unmittelbaren Umkreis (und auch sehr vielen anderen Personen), studiere sie genau, gehe ihnen auf den Grund. Meist kann ich sie gut einschätzen und das irritiert sie. Sie fühlen sich berechtigter Weise kontrolliert und bevormundet.

Das ständige Bewusstsein um diese Prozesse macht mich fertig. Ich muss mich ja quasi abwerten oder überbewerten. Ich fühle mich diesen Entwicklungen ausgeliefert und so anders als andere (dieser Eindruck entsteht vielleicht auch, weil andere sich nicht so mitteilen und ich sie doch nicht so gut kenne, wie ich es denke). An mich selbst kann ich schon den Appell richten, mich integriert wahrzunehmen und den Dualismus zwischen performter Person und vermeintlicher „Originalperson“ aufzuheben, aber in gewisser Weise, verhindert das Bewusstsein der Ambivalenz, also der Vielfältigkeit an Interpretationsmöglichkeiten und Autosuggestionen, die Wirksamkeit des Imperativs oder die Intensität meines Willens. Als einzig mögliche Auswegsoption sehe ich nur den Suizid.

 

Auch an meinen „glücklichsten“ Tagen, beruhigt mich dieser Gedanke. Ich fühle mich als kein guter Mensch, weil ich das Leben nicht so wertschätze wie viele andere und spezielle Prämissen für mein Leben künstlich aufstellen muss um überhaupt diese Leistung des Lebens zu erbringen.

 

Dieses Problem habe ich schon seit meiner Pubertät. Ich hatte bereits mit 15 einen längeren Aufenthalt in einer Kinder- und Jugendpsychiatrie nach einem Selbstmordversuch. Ich hatte damals eine längere Phase Lethargie, Müdigkeit vom Leben. Mich begleitete das Gefühl, ich muss mehr leisten als andere um allein den Alltag zu bewältigen. Ständig hörte ich von allen Seiten, ich solle mir nicht so viele Gedanken machen. Das ist für mich heute noch sehr schwer zu hören. Ich fühle mich wie mit einem Fluch belegt: die Last meines überschweren reflektierten Egos zu tragen, wiegt viel im Angesicht so viel wichtigerer Dinge. Ich wünschte mir daher nichts sehnlicher als dieses Selbst hinter mir zu lassen. Ich konnte das ohne Traurigkeit erzählen, ich war einfach nur sehr, sehr angespannt und müde. Deshalb schickten sie mich wieder nach Hause, als meine Mutter provisorisch mit mir zur Notfallaufnahme der KJP gefahren war. Einige Wochen später habe ich in einer emotionalen Situation,

 

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besonders hilfreich, weil meien Therapeutin nicht mein Problem gesehen hat, bzw. ich sehr überzeugend eher depressive Züge vorgespielt habe. Ich hatte dann Zeiten in denen ich jede menschliche Beziehung abgelehnt habe. Zwar habe ich meine familiäre Beziehungen anerkannt, sozusagen als Pfand, habe aber meine freundschaftlichen Beziehungen „aufgekündigt“ und wollte auch auf keinen Fall eine feste Beziehung, die für mich als Sinnbild von menschlicher Schwäche stand.

 

Weil ich mich auch heute noch häufig ähnlich fühle, nicht glaube, die Fähigkeit zu haben, glücklich sein zu können und ich mich damit durchs Leben quäle um nicht durch Selbstmord andere zu verletzen, wünsche ich mir eine Veränderung. Ich möchte gerne ein „gesundes“ Selbstwertgefühl haben. Glauben Sie, ich habe eine Chance?

 

 

Amelie Jakubek Jaydn Hubrecht

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